Und plötzlich war ich Chef

Bruno Etter im Interview: Seine Geschichte, seine Erfahrung und seine Tipps zur Nachfolgeregelung.

Vor vielen Jahren ereilte die Familie Etter ein Schicksalsschlag. Sohn Bruno Etter musste damals in die Fussstapfen seines Vaters treten, um das Lebenswerk des Vaters aufrecht zu erhalten. Im Interview berichtet er von der schweren Zeit, teilt seine „lessons learned“ und gibt konkrete Tipps zur Nachfolgeregelung.

Herr Etter, Sie wurden damals ziemlich plötzlich zum Nachfolger der Firma Ihres Vaters. Inwiefern beeinflusste Ihre neue Rolle Ihre Familie?

Ja, das ist richtig. Die Rolle des Nachfolgers nahm ich sehr plötzlich ein. Einen Entscheidungsprozess gab es nicht, daher wurde auch meine Familie ein stückweit ins kalte Wasser geworfen. Wie sie das beeinflusste? Nun, in einem KMU ist die Familie der Geschäftsführung meiner Meinung nach immer ziemlich stark involviert. Als Verantwortlicher identifiziert man sich sehr mit der Firma und das macht es schwer, das berufliche und private Leben zu trennen. Meine Familie hat sich also bei positiven Entwicklungen mit mir gefreut und bei negativen Ereignissen mit mir gelitten. Auch für sie hat sich durch die Nachfolge sehr viel verändert. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich den grössten Teil meiner Zeit in der Firma verbrachte. Dass ich ein Arbeitstier war, hat meine Familie glücklicherweise weitestgehend akzeptiert. Sie machte mir keine Vorwürfe, sondern war stolz auf mich und hatte teilweise auch Angst um mich, weil ich so viel arbeitete. Ich bin mir sicher, dass meine Familie oft unter der Situation gelitten hat – aber dennoch wurde ich immer unterstützt. Das hat mir viel Kraft gegeben.

Und wie sind Sie persönlich mit der ungewohnten Rolle zurechtgekommen?

Nachträglich betrachtet kann ich sagen, dass mich vor allem die Emotionen belastet haben. Das operative Geschäft zu leiten war kein grosses Problem, da ich zuvor bereits viele Entscheidungen getroffen hatte. Jedoch war meine Nachfolge ja direkt mit dem Tod meines Vaters verknüpft. Ich hatte quasi keine Zeit, um meinen Vater zu trauern, sondern musste direkt die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen. Ich war für die Firma und die Familie verantwortlich. Diese Doppelrolle bedeutete eine enorme Belastung, auf die ich mich nicht vorbereiten konnte. Bei plötzlichen Übernahmen ist das oft der Fall – umso wichtiger ist es, sich rechtzeitig um eine Lösung zu kümmern.

Haben Sie das Thema Nachfolge mit nach Hause genommen?

Definitiv. Die Firma war mein Leben. Und auch wenn man es nicht möchte, nimmt man die Eindrücke immer mit nach Hause – gute und schlechte. Das äußert sich vor allen Dingen in der Laune. Verlief der Tag erfolgreich, ist man auch am Abend gut gelaunt. Gab es hingegen Probleme mit Kunden, Mitarbeitern oder Lieferanten, so kann man die schlechte Stimmung leider nicht an der Türschwelle ablegen. Als Nachfolger meines Vaters lag mir das Unternehmen sehr stark am Herzen und ich konnte meine Emotionen nicht verstecken. Negative Entwicklungen haben mich sehr stark getroffen und ich konnte meinen Kopf nicht einfach ausschalten.

Wie schafft man den Spagat zwischen Firma und Familie?

Das ist wirklich sehr schwer. Für mich persönlich hatte die Arbeit Priorität 1, 2 und 3. Die Firma war omnipräsent und es gab wenig Raum für andere Aktivitäten oder Gedanken. Ich habe mit Hilfe meiner Frau zwar immer wieder versucht, etwas Zeit für die Familie freizuschalten, doch leider mit geringem Erfolg. Die Familie muss bei einer Nachfolge oft hintenanstehen. Eine Work-Life-Balance zu finden, ist eine riesen Herausforderung.

Hat die Zeit Sie als Menschen verändert? Wie waren Sie damals, wie sind Sie heute?

Ich glaube der Mensch an sich ändert sich nicht wirklich. Durch die Erfahrung und die Erkenntnisse ändert sich aber das eigene Verhalten und die Einstellungen zu bestimmten Themen. Und man lernt, Prioritäten zu setzen. Das sehe ich ganz deutlich an mir: Früher drehte sich bei mir alles um Einsatz, Arbeit, Leistung und Ergebnisse. Heute bin ich älter, erfahrener und viel ruhiger. Ich nehme mir definitiv mehr Zeit für mich. Unter anderem treibe ich Sport, ernähre mich gesund und schlafe genug. Ich versuche Körper, Geist und Seele gleichermassen fit zu halten. Mein Umfeld und meine Familie spüren das – und profitieren wie ich davon. Heute weiss ich: es gibt noch anderes im Leben als die Arbeit, das Geld und die Firma.

Was würden Sie anderen Nachfolgern in Bezug auf die Familie raten?

Es ist sehr schön, eine Firma führen zu dürfen und den Erfolg und die Anerkennung zu geniessen. Dennoch ist es äusserst anspruchsvoll, seine Familie nicht zu vernachlässigen. Ich habe da leider kein Patentrezept – aber ich denke, dass folgende Tipps Nachfolgern bei Ihrer Nachfolgeregelung helfen können:

  1. Vernachlässigen Sie sich, Ihre Familie und Ihre Freunde nicht.
  2. Stärken Sie Ihre mentale Ausgeglichenheit.
  3. Machen Sie sich bewusst, was Ihnen wichtig ist und setzen Sie Prioritäten.
  4. Arbeiten Sie an Ihrer eigentümerunabhängigen Unternehmensmarke und machen Sie sich ein stückweit verzichtbar.

Grundsätzlich muss jeder seinen eigenen Weg finden. Es ist sicher möglich, kurze Zeit extrem viel zu arbeiten, um die Firma in eine neue Richtung zu lenken oder zukunftsfähige Umstrukturierungen umzusetzen. Doch dann muss man auch wieder zurückfahren und sich um eine Ausgewogenheit bemühen. Nur so kann man langfristig aktiv und erfolgreich bleiben. Eine eigentümerunabhängige Marke zu schaffen, hat nur Vorteile: Sie schaffen mehr Zeit für sich und Ihre Familie, nehmen zumindest etwas Druck von Ihren Schultern und erleichtern auch Ihrem Nachfolger den Einstieg. Sie entschärfen viele Probleme und Herausforderungen. Also sehen Sie nicht die kurzfristige Schmälerung von Profit, sondern den langfristigen Gewinn für alle Beteiligten!

Wie hängen Erfolg und Familie zusammen und was bedeutet das für die Zukunft des Unternehmens?

Sollten Ihnen der Spagat zwischen erfolgreicher Unternehmensleitung und harmonischem Familienleben gelingen, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass eines Ihrer Kinder später Ihre Nachfolge antreten will. Ihre Kinder sehen, dass sich Beruf und Familie vereinbaren lassen und dass es toll ist, sein eigener Chef zu sein und Entscheidungen zu treffen. Eine Nachfolge anzutreten, ist mit Sicherheit eine sehr grosse Herausforderung, die das Leben zumindest am Anfang stark dominieren wird. Doch wenn man dies erkennt und rechtzeitig entgegensteuert, dann ist es wirklich fantastisch, eine Firma zu leiten. Wem es gelingt, eine funktionierende Work-Life-Balance zu schaffen, dem gelingt im Arbeits- und Privatleben noch vieles mehr.

Wenn Sie auf Ihrem Weg in die Nachfolgeregelung professionelle Unterstützung wünschen, stehe ich Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite – Schritt für Schritt!

 

(Das Interview wurde durch fit for profit GmbH geführt)